Frauen

Frauenorganisation der ASDP wieder aktiv

Kabul, 4. Juni 2003

Die Frauenorganisation der afghanischen Sozialdemokratischen Partei nahm am 4. Juni 2003 offiziell ihre Arbeit in Kabul auf. Zu der Eröffnungsveranstaltung hatten 80 Aktivistinnen der Partei aus verschiedenen afghanischen Provinzen eingeladen. Die Veranstaltung fand in der Zentrale der Afghanischen Sozialdemokratischen Partei statt, wo die Frauenorganisation ein selbständiges Büro hat. An der Veranstaltung nahmen auch der Parteivorsitzende Prof. Dr. Anwar Ahady, Generalsekretär der Partei, Aziz Ahmad Asef und einige Vorstandmitglieder der Partei teil. Ahady sprach einige Worte über die Menschen- insbesondere die Frauenrechte und stellte heraus, dass sich die ASDP seit ihrer Gründung 1966 stark um diese bemüht.
Er betonte in seiner Rede, dass diese Partei dafür eintritt, dass Frauen der Zugang zu Bildung, Arbeit und Politik gleichberechtigt gewährt wird.
Eingeladen waren auch Frauenaktivistinnen wie Fatima Geilani, Mitglied der Verfassungskommission, Frau Tajwar Kakar, stellv. Frauenministerin, Frau Safia Sediqi, Frauenaktivistin und Dichterin, Habibullah Rafi, Menschenrechtaktivist und Schriftsteller sowie Prof. Rassul Amin, ehemaliger Erziehungsminister.

Nach dem Sturz der Monarchie am 17. Juli 1973 waren alle politischen Aktivitäten in Afghanistan verboten worden. Daher musste die Frauenorganisation der ASDP ihre Arbeit im Untergrund fortsetzen. Eine Verfolgung der Parteiaktivistinnen begann erst nach der Machtübernahme der Kommunisten im April 1978. Mehrere Parteiaktivistinnen wurden verhaft und ins Exil gezwungen. Der gemeinsame Putsch der Kommunisten und islamischen Fundamentalisten (heutige Nordallianz) gegen den UN- Friedensplan im April 1992 verschlimmerte die Situation der Frauen im allgemeinen und der politisch aktiven im besonderen. Während der Herrschaft der Taliban waren Frauen unbeschreiblichen Repressalien ausgesetzt. Das Bonner Abkommen und die Präsenz der internationalen Truppen ermöglichen mittlerweile begrenzte politische Aktivitäten in Kabul. Die Frauenorganisation der afghanischen Sozialdemokraten nutzte die Gunst der Stunde und nahm ihrer Aktivitäten nach 30 jährigem Verbot wieder auf.


Ein Kurzer Einblick in die Emanzipationsgeschichte
der afghanischen Frauen

Sehr geehrte Damen und Herrn, liebe Freundinnen und Freunde, verehrte Anwesenden,

zuerst möchte ich mich bei den Organisatoren dieser Veranstaltung sehr herzlich bedanken. Ich bedanke mich auch für das Interess- und Mitgefühl alle Anwesenden. Ich freue mich über die Teilnahme der afghanischen Frauen. Denn gerade ihre Anwesendheit sorgt für eine sachlich und lebhafte Diskussion über die Lage der Menschenrechte und vor allem Frauenrechte in unserem Land. Ich hoffe, dass unser heutiges Zusammenkommen eine dauerhafte Zusammenarbeit ermöglicht.
Afghanistan ist eine traditionelle Gesellschaft, in der die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung in den ländlichen Gebieten lebt. Trotzt traditionell und Trucktour bedingte Benachteiligung der Frauen gibt es kaum eine Epoche der afghanischen Geschichte, in der nahm hafte Frauen nicht existiert haben. Es gab es immer auch Frauen, die Politik, Literatur, Wirtschaft und sogar Kriege entscheidend beeinflussten.
Die ersten gesetzlichen Schritte zur Verbesserung der Lage von Frauen in der Gesellschaft wurden unter der Herrschaft von Abdul Rahman Khan ( 1880- 1901) unternommen. In dieser Zeit wurden Kinder Ehen, Zwangsehen sowie höhere Brautpreise verboten. Er ermöglichte den Frauen das Scheidungsrecht und setzte Erbrecht für Witwen durch. Auf legislativer Ebene waren diese Reformen die ersten Meilensteine, aber in der Realität des ländlichen Lebens waren sie kaum spürbar.
Zur effektiveren erzieherischen Arbeit kam es erst unter der Herrschaft von Amir Habibulah ( 1901- 1919). Der Vordenker und die treibende Kraft in dieser Angelegenheit war Mahmod Tarzy, der Herausgeber der Zeitung " Seraj al- akhbar" und später Außenminister. Tarzy überzeugte gewisse Kreis am Hof von der Notwendigkeit der Bildung für Frauen. Er vertrat die Ansicht, dass ohne Partizipation der Frauen die Bildung einer starken und lebensfähigen modernen Nation nicht möglich ist und nur gebildete Frauen in der Lage wären, an der Bildung und Gestaltung einer modernen humanen Gesellschaft mitzuwirken.
Tarzy errichtete in seiner Zeitung eine Frauenseite mit dem Titel " Namwaran Zanan-i Jahan" d. h. ( Namhafte Frauen der Welt). Seraj al- akhbar berichtete über die Fortschritte der Emanzipation der afghanischen Frauen auf.

Tarzys Einsatz und Bemühungen trugen erst dann fürchte, als sein Schüler, Amanullah 1919 den Thron bestieg. König Amanullah begann die Ideen von Tarzy in die Tat umzusetzen. Das Eherecht wurde reformiert, Kinder und Zwangsehen sowie Polygmie wurden verboten. 1921 wurde die erste Mädchenschule in Kabul eröffnet und Rasmiya Tarzi brachte die erste Frauenzeitschrift mit dem Namen " Irschad-i Naswan" ( Ratgeber für Frauen) heraus. 1928 wurde die erste Gruppe afghanischer Mädchen zur höheren Bildung nach Europa und in die Türkei geschickt.
Die Königen Suraya und die Schwester des Königs, Siraj al-banat, waren die ersten afghanischen Frauenrechtlerinnen, die sich für die Belang der Frauen einsetzen.

 
Frauenkonferenz  3 März 1997
Karin Junker, Nazo Rassuli, Lissy Gröner  ( SPD- Abgeordnete.)

Als König Amanullah 1924 seine Reformen der " Loya Jergah", Nationalversammlung vorlegte, wurde über rechte und Pflichten der Frauen intensiv diskutiert. Konservative Kreise griffen den König wegen des Verbotes der Polygamie scharf an. Der König hingegen argumentierte, dass der Koran die Gleichbehandlung der Frauen so ernst nimmt, dass die Polygamie praktisch einem Verbot gleich kommt. Er konnte sein Anliegen nicht in vollem Umfang durchsetzen, aber er verankerte jedoch in Ehegesetz, dass die Frauen eines Poligamisten im falle der ungleichen Behandlung sich über ihren Mann beschweren können. Es wurde auch gesetzlich festgeschrieben, dass niemand eine Witwe zwingen kann, nicht wieder oder eine bestimmte Person zu heiraten.
Die Geistlichkeit fühlte sich provoziert und beleidigt als der König trotz des Widerstands den Schleierzwang abschaffte und die Königin als erste Frau den Schleier ablegte. Die Reformgegner verbündeten sich mit den auswärtigen Gegner des Königs. Die britsche Kolonialmacht versorgte die Gegner Amanullahs mit Waffen und Propagandamaterial. Die Europareise des Königlichen Ehrpaares wurde für Propagandazwecke missbraucht. Die Gegner der Emanzipation verteilten in den Provinzen Fotomontagen, die die Königin Soraja unsittlich bekleidet zeigten.
Die unter dem Einfluss der konservativen Kreisen stehenden afghanischen Bauern fühlten sich tief betroffen und entwürdigt. Der König war in deren Augen nicht ein Reformer, sondern ein Machthaber, der mit der Entschleierung der Königin das afghanische Volk beleidigt und dem Islam den Krieg erklärt hätte.
Als Konsequenz musste Amanullah das Land verlassen. Ein Banditenführer Habibullah, bekannt als Batsch e- Saqau übernahm mit Hilfe der Briten die macht. Er machte alle Reformen rückgängig, schloss die schulen und setzen den Schleierzwang wieder in kraft.
Diese Schreckensherrschaft dauerte 9 Monate und bedeutete für das Volk geistigen und kulturellen Ruin. Diese Gewaltherrschaft wurde von dem König Nader Schah ( 1929-1933), beendet. Es dauerte aber zwei Jahrzehnte bis die Reformen wieder aufgenommen werden könnten. Die Mädchenschulen wurden nur in einigen Städten mit großer Vorsicht wieder eröffnet, Schulpflicht für Mädchen wurde nicht eingeführt und die Teilnahme am unterricht bleib freiwillig. Die Folgen für die wirtschaftliche und geistige Entwicklung Afghanistans und vor allem für die Situation der Frauen waren mehr als katastrophal.
Erst 1953 als Daud das Amt des Ministerpräsidenten übernahm, kam wieder spürbare Bewegung in die Frauenpolitik. Die Bildung für Mädchen wurde forciert, die Regierungsbeamten wurden motiviert, ihren Töchtern und Frauen die Teilnahme an der Bildung und am öffentlichem Leben nicht zu versperren. Der Ministerpräsident und sein Außenminister Naim fungierten als Vorbilder. 1959 traten sie, ohne vorherige Ankündigung, am Tag der Unabhängigkeit gemeinsam mit ihren unverschleierten Ehefrauen und Töchtern in der Öffentlichkeit auf. Dieser Schritt stellte die Gegner der Emanzipation vor vollendete Tatsachen.
Der Regierung und allem dem Ministerpräsidenten wurde vorgeworfen, den atheistisch- kommunistischen und westlich- christlichen Kreisen zu erlauben, die islamisch- afghanische Identität der Gesellschaft zu ruinieren. Als die Gegner der Emanzipation Aktivitäten und Propaganda gegen die Frauenpolitik der Regierung starteten, wurden ca. 50 von ihnen wegen Verrat und unerlaubten Handlungen verhaftet und angeklagt. Das Reformprojekt von König Amanullah wurde wieder aufgenommen. Der Schleierzwang wurde abgeschafft, den Frauen wurde Arbeit und Mitgestaltungsrecht eingeräumt. Den Frauen, die außerhalb der Familie arbeiteten, wurde Schutz garantiert.

Diese Veränderungen ebneten den Frauen den weg zur Selbständigkeit und markierten einen Wendepunkt in der Emanzipationsbewegung. 1964 wurden gleiche rechte und Pflichten für alle afghanischen Staatsbürger in der Verfassung verankert. In den Wahlen von 1964 wurden vier Frauen in das Repräsentantenhaus gewählt. 1966 wurde Kubra Nurzaia als erste Frau in der afghanischen Geschichte als Gesundheitsministerin ernannt. 1969 wurde Schafiqah Ziyai als zweit Frau ins Kabinett berufen. Auf der mittleren und unteren Ebene nahm die Zahl der Frauen im Staatsdienst allmählich zu.


9 Dezember 1998

1964 wurde mit " D- Mirmano Tolane" eine erste Frauenorganisation gegründet, die staatliche Unterstützung erhielt und sich um die belange der Frauen kümmerte. Die Entwicklung hielt an und am Ende der 70 er Jahren war das Funktionieren der Erziehungs-, Gesundheits- Verwaltungs-, und Produktionssektoren, ohne Beteiligung der Frauen nicht denkbar. In der Verfassung von 1977 wurde die Gleichberechtigung von Mann und Frau ausdrücklich erwähnt. Obwohl mit der rechtlichen Gleichstellung die Tatsächliche Gleichberechtigung nicht eintrat, waren die enormen Fortschritte und die Verbesserung der Situation der Frauen nicht zu übersehen. Die konservativen Kreise gaben allmählich ihren widerstand gegen Bildung und Berufstätigkeit der Frauen auf.
Die Frauenemanzipation war und ist in Afghanistan ein schwerer und steiniger Weg. Es gab immer Rückschritte und Widerstände, aber die Fortschritte waren ebenfalls ermutigend. Die gegenwärtige Situation ist der Geschichte Afghanistans beispiellos. Seit 1992 sind die Medien nicht in der Lage etwas Erfreuliches über die Situation der Frauen in Afghanistan zu berichten. Uns erreichen nur Schreckensmeldungen, die das Gewissen beunruhigen und der menschlichen Seele Gewalt antun.
Durch die Berichterstattung ist in der Öffentlichkeit der Eindruck entstanden, die Taleban wären für diese Misere verantwortlich. Die gegenwärtige Tragödie nahm jedoch im April 1978 ihren Anfang, als die Kommunisten durch einen Staatsstreich die politische Macht an sich rissen. Im Dezember 1979 folgte die sowjetische Invasion und Afghanistan wurde zum heißen Schlachtfeld des kalten Krieges. Diese Ereignisse leiteten die jetzige Entwicklung ein.
Fortschritt, soziale Gerechtigkeit, materieller Wohlstand für alle, Gleichberechtigung von Mann und Frau sowie die Alphabetisierung der Massen waren die Parolen der Kommunisten. Statt des Fortschritts trat der Rückschritt in allen Bereichen ein; statt sozialer Gerechtigkeit entstand eine neue Schicht, nämlich die kommunistische Partei, die alle Ressourcen nur für sich in Anspruch nahm; statt materiellen Wohlstands bescherten die Kommunisten nur Armut, Krieg und Zerstörung. Ihr Konzept der Alphabetisierung mündete in der Schließung und Zerstörung der Schulen.
Was die Situation der Frauen anbelangte, legten die Kommunisten Wert auf Äußerlichkeiten, wie große Demonstration und Veranstaltung zu Gunsten der kommunistischen Partei. Sie missbrauchten den Emanzipationsbegriff.
Als Konsequenz brach das Erziehungssystem, außer in Kabul, im ganzen Land zusammen und im benachbarten Pakistan und Iran entstanden zahlreiche fundamentalistisch Exilgruppen, die alle frauenfeindliche Ziele verfolgten. Diese Gruppen wurden vom Westen und von den Golfstaaten mit Waffen, Geld und Publicity unterstützt.
Ab nun waren im Land und in dem benachbarten Exil für Afghanen das selbständige Denken und der Widerspruch verboten. Nur die Regierung und kommunistische Partei bestimmten über das Schicksal der Menschen. Im Exil waren es die Fundamentalisten, die den Menschen vorschrieben, wie sie zu denken, zu handeln und zu leben haben.
Der absolute Machtanspruch der kommunistischen Partei und die Ideologisierung aller Lebensbereiche und das Handeln der Kommunisten riefen den Widerstand der Bevölkerung hervor und ermöglichten den geschwächten reaktionären Kräften das Agieren. Die inkompetenten Eliten der Vergangenheit konnten ihren verlorenen Einfluss wieder gewinnen. Die Position der Frau war ihr Hauptangriffsziel.
Als die Kommunisten und islamischen Fundamentalisten im April 1992 gegen den von der UN mühsam erarbeiteten Friedensplan putschten, trat der totale politisch- moralische Zusammenbruch ein. Das Land wurde in wenigen Tagen von mehreren Zehntausend bewaffneter Männer überrollt. Sie respektierten weder weltliche Gesetze noch fühlten sie sich moralischen, ethischen oder religiösen Werten verbunden. Weder Menschen noch ihr Eigentum waren vor ihren Angriffen und ihrer Zerstörungslust sicher.

Die Frauen waren die Hauptopfer dieses Wahnsinns und der Gesetzlosigkeiten. Plünderung, Tod, Verletzung und Übergriffe auf Frauen waren an der Tagesordnung. Nur ein kurzer Einblick in die Berichte der ai und der UN- Menschenrechtskommission genügt, um das Ausmaß der Menschenrechtskatastrophe zu erfahren. Es gab keine Autorität oder Regierungsinstanz, bei der man sich über die Praxis der bewaffneten Gruppen beschweren konnte. Der oberste Gerichtshof von Burhanudin bezeichnete die Mädchenschulen als Zentren der Prostitution.
Mit der Machtergreifung der Taleban hat sich die Lage verändert. Die zahlreichen Gruppen sind entwaffnet und die kriminellen Elemente vertrieben worden. Die Menschen und ihr Eigentum sind nun vor den Angriffen und der Zerstörung sicher. Die staatliche Einheit ist weitgehend wiederhergestellt.
Die Afghanen träumen aber immer noch von einem normalen Leben in Frieden. Der Wiederaufbau lässt auf sich warten. Ein umfassender Frieden ist jedoch nicht in Sicht. Die Frauen sind von ihrer Arbeit entlassen, die staatliche Unterstützung reicht nicht aus, sich selbst und ihre Kinder zu ernähren. Die Mädchenschulen sind mit einigen wenigen Ausnahmen geschlossen; die Schulen für Jungen sind nur nominell offen. Für Frauen ist Schleierzwang eingeführt und Männer müssen Bart tragen. Die Regierung erklärt, dass sie erst nach dem Krieg den Frauen die Arbeits- und Bildungsmöglichkeit geben kann. Auch wenn das so wäre, würde sie dies aus eigener Kraft nicht schaffen.

Meine Damen und Herrn,
Wie sie wissen war die historische Entwicklung schwierig und die Fortschritte waren bescheiden. Die Gegenwart ist dunkel und vielleicht auch schlechter als ich sie beschrieben habe. Die Kritikt ist laut, aber nur mit Kritik kann man die enormen Probleme des vom Krieg und Zerstörung heimgesuchten Landes und vor allem die der afghanischen Frauen nicht lösen. Die Verbesserung der Situation erfordert viel Geduld und mühsame Kleinarbeit. Allerdings muss man zwischen Wunschdenken und Machbaren unterscheiden. Natürlich wünschen wir uns, dass die Menschen in unserem Lande alle die individuellen und gesellschaftlichen Rechte bekämen, die in demokratischen Gesellschaften denkbar sind.
Die Realität in Afghanistan belehrt uns, dass wir uns über jeden Schritt in die richtige Richtung freuen, egal wie klein dieser Schritt auch ist. Es muss auch betont werden, dass selbst diese kleinen Schritte ohne Unterstützung aus dem westen nicht möglich sind. Den die enorme Unterstützung für die frauenfeindlichen Gruppen während des Krieges trug dazu bei, dass die gemäßigten politischen Kräfte geschwächt wurden. Aber es gibt in Afghanistan und im benachbarten Exil ein beachtliches Potential, dass die unterbrochene Entwicklung wiederaufnehmen könnte. Die demokratischen Kräfte benötigen dringend Hilfe, um die Arbeit für den Frieden und die Bildung einer Zivilgesellschaft wieder aufzunehmen.

Frauenrechte sind Menschenrechte
Veranstaltung am 9. Dezember 1998 in Düsseldorf


Zur Lager der Frauen in Afghanistan
Nazo Rassuli
Vertreterin in der Frauenorganisation der Afghanischen Sozialdemokratischen Partei
im XIX Congress der Sozialistischen Internationale

September 12- 13, 1992

Sehr geehrte Frau Präsidentin,
Sehr geehrte Gäste.

als Vertreterin der Afghanischen Sozialdemokratischen Partei und anstelle aller unterdrückten Frauen von Afghanistan möchte ich Ihnen und der Sozialistischen Internationale mein Dank sagen, dafür, daß sie uns eingeladen haben, an einer so wichtigen Zusammenkunft teilzunehmen.

Ich möchte von der sich so bietenden Gelegenheit Gebraucht machen, um meiner tiefen Besorgnis über den Status der afghanischen Frauen an einem kritischen Punkt in der Geschichte meines Landes Ausdruck zu geben. Sie mögen versichert sein, dass die Mehrheit der afghanischen Frauen und ihrer Brüder meine Besorgnis teilt.
Wie sie wissen Frau Präsidentin, war Afghanistan fähig nach dreizehn Jahren eines zerstörerischen Krieges sich vom Joch des sowjetischen Imperialismus zu befreien. Im April 1992 brach es die letzten Überreste des sowjetische Marionetten Regime zu Fall. Das afghanische Volk hoffte, dass es nach Jahren des Elendes und des Unglücks schließlich in der Lage sein würde, in Frieden und Ruhe zu leben. Aber unglücklicherweise trat dies bisher nicht ein. Das Ausplündern und Töten unschuldiger Menschen findet immer noch statt, Insbesondere die Lebensbedingungen der afghanischen Frauen, die mehr als Fünfzig Prozent der Bevölkerung ausmachen, haben sich sehr stark verschlechtert.

Sehr geehrte Frau Präsidentin,
die afghanischen Frauen sind nach einem langen historischen Kampf in der Lage, ihren Status in der afghanischen Gesellschaft zurückzuverlangen. Für die Hälfte eines Jahrhunderts haben sie gleichberechtigt an den nationalen Angelegenheiten Afghanistans partizipiert. Sie arbeiteten als Lehrerinnen, Krankenschwestern, Kabinettsministerinnen und sie ihrer Rechte beraubten. Nach der Machtergreifung entließ das sogenannte moderate islamische Regime alle Frauen aus dem Afghanischen Staatsdienst.

Ja, die neuen Autoritäten gingen sogar soweit, dass sie den Frauen befahlen langsam zu gehen und ruhig zu atmen. Zuwiderhandlungen würden als "teuflischen Versuchung" interpretiert. Das gegenwärtige Regime will für afghanische Frauen Restriktionen erlassen, die sich nicht an Regeln unserer Religion und an die traditionelle afghanische Kultur halten, sowie gegen die international akzeptierten Verhaltensnormen verstoßen. Das Regime ist überzeugt, dass Frauen nur das Recht haben, Kinder zu gebären, zu Hause als Dienerin zu wirken und schließlich zum Gegenstand des sexuellen Vergnügens ihrer Männer zu werden.

Wie werden die afghanischen Frauen angesichts dieser Mentalität eines dunkeln Zeitalters und angesichts einer solchen rückwärtsgewandten Einstellung gegenüber Frauen fähig sein am sozialen und politischen Prozess teilzunehmen und ihren Beitrag zum Wiederaufbau ihres verwüsteten Landes zu leisten? Wie werden unsere Witwen fähig sein, ihre Vaterlose Kinder zu ernähren und zu kleiden, wenn man sie aus ihre Stellungen entlässt? Wohin können sie gehen und wenn können sie bitten, ihre hungrigen Kinder zu sättigen?
Hat das Regime eine Antwort auf diese Frage? Wenn wir dieses Regime für moderat halten, was werden uns erst die Fanatiker antun wenn sie die politische Macht übernehmen. Tatsächlich sind auch die Moderaten Fanatiker, nur dass sie sich um politische und persönliche ziele zu erreichen, mit Elementen des früheren kommunistischen Regime verbündetet haben.
Das sogenannte moderate islamische Regime wurde mit blutigem Terror errichtet. Afghanistan ist ein zweites Klinik "Fielt" geworden.
Bis zum April 1992 hat es nie gegeben, dass an einem Tag Hunderte von Menschen getötet und Tausende obdachlos werden in einem Regen von Bomben und Raketen. Eine neue Flüchtlingswelle nach Indien, Pakistan und in die Zentralistischen Republiken hat begonnen.
Die Situation ist für die afghanischen Frauen und Kinder sehr schwierig geworden, da ihnen die Mittel fehlen, diesem Inferno zu entkommen . so sind sie gezwungen bei ihren Hütten zu sitzen und die wenigen Minuten und Stunden zu zählen, die ihnen noch bleiben, bis der Drache des Todes kommt und sie verschlingt.
Die afghanische Frauen werden jedoch nie ein unpopuläres Regime akzeptieren, dass dem afghanischen Volk aufgezwungen wurde. Wir, die afghanische Frauen, unterstützen nur eine gewählte Regierung, die dem freien willen aller afghanischen Bürger und Bürgerinnen entspricht.

Wir möchten die internationale Gemeinschaft und die Sozialistische Internationale der Frauen bitten dem Elend der afghanischen Frauen besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Ihre moralische und Politische Unterstützung wird sehr zur Emanzipation aller afghanischen Frauen von Tyrannei und Unterdrückung beitragen.
Ich möchte Ihnen im voraus für Ihre Solidarität und Ihre Unterstützung Dank sagen. Schließlich darf ich mich noch einmal bei Ihnen Frau Vorsitzende und bei allen Delegierten für Ihre Aufmerksamkeit in meinem Namen und dem meiner Schwestern bedanken.

Frau Präsidentin, liebe Genossinnen und Genossen verehrte Anwesenden,

im Namen der Afghanischen Sozialdemokratischen Partei und im Namen der afghanischen Frauen bedanke ich mich für die Einladung zu dieser frauenspezifischen Konferenz aus tiefem Herzen. Ich grüße Euch herzlich und wünsche der Tagung einen guten Verlauf.
Die Teilnahme an dieser Veranstaltung ermöglicht mir zum einen, über das Leid der afghanischen Frauen zu sprechen. Zum anderen ist das eine gute Gelegenheit von Erfahrungen der Frauen aus anderen Gesellschaften zu lernen und mit denen Freundschaft zu schließen.
In der Öffentlichkeit ist der Eindruck entstanden, in Afghanistan gäbe es nur sich bekämpfenden Kommunisten und islamischen Fundamentalisten. Mein Land hat aber nicht nur Mullahs und Kommunisten hervorgebracht, kennt nicht nur Krieg und Zerstörung; es hat eine Lange Geschichte und reiche Kultur; ist von Millionen Männern, Frauen und Kindern bewohnt, dort existieren diverse politisch und gesellschaftliche Gruppen und Ansichten.

Was die Lage der Frauen anbelangt, genießen leider die afghanischen Frauen wie in fast allen traditionellen Gesellschaften und nicht nur dort nicht das gleiche Recht wie Männer. Dennoch haben die afghanischen Frauen in diesem Jahrhundert beachtliche erfolge erzielt und ihre Stellung in der Gesellschaft ernorm verbessern können.
Der Zugang zur Bildung wurde ihnen erst in den 20ger Jahren ermöglicht. Dieser Schritt ebnete den weg für Erfahrungen und Beschäftigung außerhalb des Hauses. Es gab nicht nur Lehrerinnen, Richterinnen, Journalistinnen, Ärztinnen, Krankenschwestern, Verwaltungsangestelltinnen, Künstlerinnen, Industriearbeiterinnen, sondern konnten auch Frauen Parlamentsitze, Kabinettposten und Lehrstuhle an der Universitäten erobern.
Die Frauenemanzipation in Afghanistan war nicht revolutionär, aber im Vergleich zu vielen vergleichbaren Gesellschaften war sie zufriedenstellend. Es gab kaum ein Lebensbereich, zu dessen Entwicklung und Gestaltung Frauen nicht beitragen haben. Dazu haben viele engagierte einzelne und demokratische Gruppen und Organisationen beigetragen, wie zum Beispiel die Afghanische Sozialdemokratische Partei, der ich verbunden bin und die zur Zeiten der relativen Demokratie die größte parlamentarische Kraft des Landes war. Meine Partei steht auch heute für eine politische Lösung, grundlegende Prinzipien wie Einhaltung der Menschenrechte, Bildung und Berufstätigkeit für Frauen sowie deren Teilnahme an der politischen Gestaltung und Demokratie. Natürlich achtet sie Religion, sie kennt und respektiert die wahren Werte und Traditionen des Landes.
Der Rückschritt begann mit dem Umstürz in April 1978 und darauf folgender sowjetischen Invasion. Der absolute Machtsanspruch der kommunistischen Partei, Ideologisierung aller Lebensbereiche und der propagandistische Missbrauch des " Emanzipationsbegriffes" riefen den Wiederstand der Bevölkerung hervor. Die von Aufklärung und Modernisierung verdrängten Gegner der Emanzipation haben erneut am Boden gewonnen. Die Vorurteile gegen Bildung für Frauen wurden reaktiviert. Die Milliarden Höhe Waffen und Finanzhilfe des Westens für die Fundamentalisten verschlechterte die Lage zusätzlich. Keinerlei Unterstützung erhielten die Demokraten. Die Konsequenzen waren für die ohne hin strukturell benachteiligten Frauen mehr als katastrophal.
Obwohl Frauen an dem krieg nicht beteiligt waren und sie haben ihn auch nicht verursacht, sind sie dessen Hauptopfer geworden, tragen den großen Last und werden für den Aufbau den größten Beitrag leisten müssen.
Nach dem die Islamisten und Kommunisten gemeinsam gegen den von der UN mühsam erarbeiteten Friedensplan im April 1992 putschten, wurden alle Errungenschaften der 83 Jahren harten Arbeit zu Nichte gemacht. Frauen verloren nicht nur ihre Stellung in der Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, sondern waren schutzlos der Willkür der bewaffneten Gruppen ausgeliefert. Willkürliche Verhaftungen, Vergewaltigungen, Mord und Todschlag gehörten zu den häufigsten Ereignissen des Alltages. Ein kurzer Einblick in die Berichte der ai und UN- Menschenrechtskommission würde genügen, um über den Ausmaß der Menschenrechtskatastrophe in Afghanistan zu erfahren.

Nach der Vertreibung der bewaffneten Gruppen und deren Koalitionsregierung aus Kabul durch die Taleban, fanden die übergriffe auf Frauen ein Ende. Aber die Normalität ist nicht zurückgekehrt, der Preis für diese Sicherheit ist zu hoch. Die Frauen sind von öffentlichem Leben ausgeschlossen, weiterhin gilt das Arbeit und Schulverbot für Frauen. Männer und Frauen müssen strenge Kleidungsvorschriften einhalten.
Sowohl der Kommunismus als auch der islamischen Fundamentalismus haben in Afghanistan versagt. Die Extremisten sind nicht fähig, Kompromisse zu schließen und dem Krieg ein Ende zu setzen. Eine Unterstützung der demokratischen Kräften Afghanistans werden den Weg für Rückkehr zur Normalität und Zivilisation ebenen; Hilfe zum Wiederaufbau ist wichtig, um den Frieden attraktiver zu machen. Bei allen Hilfsmaßnahmen ist darauf zu achten, dass sie Frauen und Männern gleichermaßen zu gut kommen und bestehende Unterdrückungsstrukturen nicht verstärken oder verfestigen.

Danke für die Aufmerksamkeit.

Frauenkonferenz in Brüssel, 3. März 1997

Ansprechpartnerinnen für Frauen:

nazo.rassuli@afghanmellat.de

 


Home · © Afghanische Sozialdemokratische Partei (ASDP) 2004 · Impressum · info@afghanmellat.de